Was das AKW Saporischschja für die Ukraine bedeutet | DW

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Das Atomkraftwerk in Saporischschja ist das größte AKW in der Ukraine – und in ganz Europa. Seine sechs Kraftwerksblöcke verfügen über eine Gesamtleistung von 6000 MW. Es ist eines von vier Kernkraftwerken mit insgesamt 15 Blöcken in der Ukraine. 50 bis 60 Prozent des Stroms im ukrainischen Netz werden von Atomkraftwerken produziert, heißt es vom staatlichen Energieunternehmen Ukrenergo.

Petro Kotin, Leiter des staatlichen ukrainischen Kernkraftwerksbetreibers Energoatom, erklärte jüngst, das AKW Saporischschja habe vor dem russischen Angriff knapp die Hälfte des von den ukrainischen Kernkraftwerken erzeugten Stroms geliefert. Nun sei das Werk schon seit fast sechs Monaten unter russischer Besatzung.

Wird Saporischschja ans russische Netz angeschlossen?

Laut Energoatom nutzen die russischen Truppen seitdem das AKW Saporischschja als Depot für Waffen und militärische Ausrüstung. “Das russische Militär beschießt das AKW, um die Infrastruktur zu zerstören und es vom Energiesystem der Ukraine zu trennen”, heißt es auf der Website von Energoatom. Das Unternehmen betont, die Sicherheit der Anlage und der umliegenden Orte sei bedroht. Gleichzeitig macht Moskau die Ukraine für den Beschuss verantwortlich und behauptet, dass die russischen Truppen das AKW “schützten”.

Wie die ukrainische Nuklearaufsichtsbehörde mitteilte, wurde am 25. August infolge von Kampfhandlungen in der Nähe des Kraftwerks zwei Mal eine Freileitung unterbrochen, wodurch zwei Blöcke vom Netz getrennt wurden und der Notfallschutz ausgelöst wurde. Den Arbeitern des Werks gelang es aber schnell, den Anschluss ans ukrainische Netz und die Stromerzeugung für die Ukraine wiederherzustellen.

“Das Kernkraftwerk läuft seit der Besetzung nicht mit voller Leistung. In Betrieb sind zwei, manchmal drei Blöcke, wobei der dritte nicht voll ausgelastet ist. Wie viel Strom das AKW für das ukrainische Netz erzeugt, wird aufgrund des Kriegsrechts geheim gehalten”, sagte der DW Maria Zaturjan, die beim staatlichen Unternehmen Ukrenergo für Kommunikation und internationale Zusammenarbeit zuständig ist.

Sie glaubt nicht, dass es den russischen Besatzern gelingen wird, das AKW Saporischschja vom ukrainischen Netz zu trennen und es über die annektierte Halbinsel Krim ins russische Netz zu integrieren. Dies sei technisch schwierig. Um dies zu schaffen, müssten alle Seiten dies wollen. Doch die Ukraine hatte schon am 24. Februar, als Russlands Angriffskrieg gegen die Ukraine begann, ihr Stromnetz vom russischen getrennt und es Mitte März vollständig mit dem kontinentaleuropäischen Netz ENTSO-E synchronisiert.

“Um das AKW Saporischschja sicher vom ukrainischen Netz zu trennen und sicher mit dem Stromnetz der besetzten Krim zu verbinden, ist eine technisch aufwendige Desynchronisation und anschließende Synchronisierung notwendig, wobei eine Leitung nach der anderen getrennt werden muss. Gleichzeitig muss aber die Frequenz im Netz von 50 Hertz aufrechterhalten bleiben, sonst kann es zu Problemen oder Ausfällen kommen”, erläuterte Zaturjan.

Ein bewaffneter russischer Soldat auf dem Gelände des Kernkraftwerks Saporischschja (Archivfoto)

Export von Strom gefährdet

Auch wenn keine Angaben zum gegenwärtig im AKW Saporischschja produzierten Strom vorliegen, halten von der DW befragte Experten die Rolle des Werks für das ukrainische Energiesystem für wichtig, auch weil die Ukraine derzeit Strom in die EU exportiert.

“Die Ukraine braucht das AKW Saporischschja dringend, weil sie sonst die übernommenen Verpflichtungen zum Export von Strom ins Ausland nicht erfüllen kann. Der produzierte Strom ist ausschließlich zur Sicherung der Heizperiode bestimmt”, sagte Wolodymyr Omeltschenko, Energieexperte des Kiewer Rasumkow-Forschungszentrums. Auch Olena Pawlenko, Leiterin des Analysezentrums DiXi Group, das den Energiemarkt der Ukraine beobachtet, meint, das Land brauche das AKW: “Der Stromexport soll den Energiesektor stützen und die Unternehmen dafür entschädigen, dass die Strompreise für die Bevölkerung gesenkt worden sind.”

Die Ukraine begann im Jahr 2017 mit den Vorbereitungen für die Synchronisation mit dem ENTSO-E

Seit Juni 2022 exportiert die Ukraine Strom über Rumänien und die Slowakei weiter nach Europa. Laut Ukrenergo soll dies dem Unternehmen bisher umgerechnet 67 Millionen Euro gebracht haben. Die Mittel werden zur Vorbereitung auf die Heizperiode benötigt – für den Kauf von Kohle, die Reparatur von Kraftwerksblöcken und Stromleitungen.

Schwieriger Winter ohne das AKW?

Sollten die Einnahmen aus dem Stromexport ausfallen, könnte es schwierig werden, sich auf den Winter vorzubereiten. “Es gibt ein Basis-Szenario, das das AKW einbezieht. Es gibt aber auch mehrere pessimistische Szenarien ohne das AKW Saporischschja und auch ohne die anderen Kernkraftwerke. Dann wird es eine schwierige Heizperiode, aber man kann sie meistern”, meint Maria Zaturjan von Ukrenergo.

Olena Pawlenko von der DiXi Group findet, der Strom aus dem AKW Saporischschja würde der Ukraine durchaus fehlen. Doch es gebe Faktoren, die die Lage entschärften. “Da viele Menschen das Land verlassen haben und große Unternehmen stillstehen, ist der Stromverbrauch in der Ukraine um 35 Prozent gesunken. Wenn nicht alle plötzlich im Winter zurückkehren, dann können wir die Heizperiode auch ohne das AKW bewältigen”, so Pawlenko.

Gleichzeitig betonen Beobachter, dass das AKW Saporischschja für die Versorgung der Gebiete Mykolajiw, Dnipropetrowsk, Saporischschja, Cherson sowie Teile der Regionen Donezk und Charkiw unverzichtbar sei. Sollten die russischen Besatzer ihre Provokationen fortsetzen oder ihre gefährlichen Versuche, das AKW Saporischschja ans russische Stromnetz anzuschließen, könnte in diesen Regionen der Strom ausfallen. Man müsste sie dann in einem Notbetrieb mit Ersatzkapazitäten des ukrainischen Stromnetzes verbinden.

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