Warum die Filmfestspiele von Venedig das wichtigste Kinofestival sind | DW

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Cannes mag größer sein, Berlin politischer, und wenn es um die schiere Menge an Stars auf dem roten Teppich geht, ist gewiss Toronto die Nummer eins. Doch für alle, die den alten Filmzauber lieben, kommt nur das Filmfestival von Venedig in Frage.

Das liegt zum einen an der Geschichte: Venedig ist das älteste Filmfestival der Welt. Schon seit 1932 wird der Filmkunst hier der rote Teppich ausgerollt.

Dunkle Vergangenheit

Der italienische Diktator Benito Mussolini (1883-1945) war ein großer Filmfan. Und er war einer der ersten, der das Propagandapotenzial des Mediums erkannte.

Nach dem Zweiten Weltkrieg gelang es dem Festival, seine faschistischen Wurzeln zu kappen, und nun hielt das internationale Kino Einzug am Lido.

Etwas vom Charme der Alten Welt bewahrt

Die VIPs legen am Steg hinter dem Sala Grande an oder vor dem historischen Hotel Excelsior – wo man fast erwartet, Thomas Mann zu sehen, der sich in einem Liegestuhl sonnt und Timothee Chalamet dabei beobachtet, wie er auf dem Weg zu einer Premiere vorbeischlendert.

Taylor Russell (links) und Timothee Chalamet in Luca Guadagninos “Bones & All”

Zum Teil ist es also auch die Kulisse. Venedig ist eine stets moderne Stadt. Kritiker und Filmfans fahren mit den Vaporettos zu den Vorführungen und passieren dabei die atemberaubendste Skyline, die Europa zu bieten hat.

Wer das Glück hat, ein Hotel auf dem Lido, der venezianischen Insel, auf der das Festival stattfindet, zu ergattern, kann zu Fuß zu den Kinos gehen oder mit dem Fahrrad am Wasser entlang fahren wie die reichen Leute im Urlaub.

Startrampe für die Oscar-Kampagne

Aber Geschichte und Lage können einen nur bis zu einem bestimmten Punkt bringen. Das Kino ist ein Milliardengeschäftt und internationale Filmfestivals können sich nur dann in der Spitzengruppe halten, wenn sie weiterhin einen Zweck erfüllen: als Ort, an dem neue Talente entdeckt werden, als Startrampe für die Oscar-Kampagne eines Films oder als Werbeveranstaltung, die die zukünftigen Einspielergebnisse ankurbelt.

Cannes war in diesem Jahr der Startschuss für die Rückkehr der Hollywood-Blockbusters, mit protzigen Premieren auf dem roten Teppich für “Top Gun: Maverick” mit Tom Cruise und Baz Luhrmanns glitzerndem, hüftschwingendem “Elvis”

Vorbild der begehrten Löwen-Statuetten ist der Markuslöwe

Venedig weiß, wie man Oscar-Gewinner auswählt

Am Lido ging es schon immer ein wenig kultivierter zu als in Cannes. Wenn Venedig einen kommerziell erfolgversprechenden Film einlädt, dann hat er meist einen Arthouse-Charakter. So wie Denis Villeneuves “Dune” im vergangenen Jahr – ein Sci-Fi-Epos, das dennoch intim und nachdenklich anmutete. Oder der Gewinner des Goldenen Löwen 2019, “Joker”,eine Comicverfilmung, die mehr an Martin Scorseses “The King of Comedy” erinnert als an frühere Darstellungen von Batman auf der Leinwand.

Die großen Hollywood-Studios wissen das und bieten Venedig in der Regel ihre anspruchsvolleren Filme an, von denen sie hoffen, dass sie eine Chance auf den Oscar haben. Und unter der Leitung des langjährigen künstlerischen Leiters Alberto Barbera hat Venedig gezeigt, dass es weiß, wie man Oscar-Preisträger auswählt.

Die Gewinner des besten Films”Nomadland” von Chloe Zhao, “The Shape of Water” von Guillermo del Toro, “Spotlight” von Regisseur Tom McCarthy und “Birdman” von Alejandro G. Inarritu wurden alle auf dem Lido uraufgeführt, ebenso wie vier der letzten fünf Gewinner der besten Regie.

Umarmung für Netflix

Und dann ist da noch Netflix Während Cannes mit der Unterstützung der allmächtigen französischen Kinolobby weiterhin Filme von Streaming-Diensten boykottiert, hat Venedig kein Problem damit, Filme auszuwählen, die online statt im Kino laufen werden.

Es war das erste große Festival, das einen Netflix-Film im Wettbewerb zeigte – Cary Joji Fukunagas “Beasts of No Nation” im Jahr 2015 – und hat seither im Durchschnitt mindestens zwei bis drei Netflix-Filme pro Jahr ausgewählt.

2021 sah es nach einem Höhepunkt für Netflix in Venedig aus, mit Jane Campions “The Power of the Dog” mit Benedict Cumberbatch in der Hauptrolle, Maggie Gyllenhaals “The Lost Daughter” mit Olivia Coleman und “The Hand of God” des italienischen Oscar-Preisträgers Paolo Sorrentino (“The Great Beauty”).

Die Netflix-Produktion “White Noise” mit Adam Driver und Greta Gerwig eröffnet das Festival

Doch 2022 ging Barbera noch einen Schritt weiter und präsentierte vier Netflix-Filme, darunter den ersten Netflix-Film überhaupt, der die Filmfestspiele eröffnete: Noah Baumbachs “White Noise”, eine Adaption des Don DeLillo-Romans mit Adam Driver und Greta Gerwig in den Hauptrollen. Folgende Netfix-Produktionen sind ebenfalls im Rennen um den Goldenen Löwen: Alejandro G. Inarritus mexikanisches Epos “Bardo”, Andrew Dominiks Marylin-Monroe-Biopic “Blonde” mit der kubanischen Schauspielerin Ana de Armas (bekannt aus “Knives Out” und “No Time to Die”) und das mit Spannung erwartete französische Drama “Athena” von Regisseur Romain Gavras. Venedig hat früh erkannt, dass Netflix die Zukunft ist.

Arthouse-Überraschungen

Aber der wahre Reiz von Venedig lag schon immer in den Überraschungen. So wie Audrey Diwans Gewinner des Goldenen Löwen 2021 “Happening”, eine Geschichte über Abtreibung und Frauenrechte. Oder “Quo Vadis, Aida?” von Jasmila Zbanic, der eine eindringliche Darstellung des Massakers von Srebrenica bietet, und “Apples”, eine sanft komische, überraschend berührende Satire des griechischen Erstlingsregisseurs Christos Nikou, beide aus dem Jahr 2020.

Venedig, das am 31. August eröffnet wird und bis zum 10. September läuft, leitet die Herbstfilmsaison ein, die traditionell die beste Zeit für “erwachsene” Filme ist. Die Arthouse-Verleiher, die es bisher schwer hatten, ihr zumeist älteres Publikum nach den COVID-Schließungen wieder in die Kinos zu locken, setzen auf das italienische Festival, um die Kinofans von der Couch zurück in die Kinos zu holen.

Tilda Swinton in Joanna Hoggs Indie-Streifen “The Eternal Daughter”

Am Lido bietet das Programm 2022  viel fürs Indie-Publikum, darunter Darren Aronofskys “The Whale” mit Brendan Fraser, Joanna Hoggs “The Eternal Daughter” mit Tilda Swinton in der Hauptrolle, Florian Zellers “The Son”, der Nachfolger des französischen Regisseurs zu seinem Oscar-prämierten Debüt “The Father”; “Bones & All” von “Call Me By Your Name”-Regisseur Luca Guadagnino; die irische Dramedy “The Banshees of Inisherin” von “Three Billboards Outside Ebbing, Missouri”-Regisseur Martin McDonagh, und “Tár”, ein seltener neuer Film des US-Regisseurs Todd Field (“Little Children”, “In the Bedroom”) mit Cate Blanchett in der Hauptrolle als getriebene klassische Dirigentin.

Wenn Cannes mit “Top Gun” und “Elvis” bewiesen hat, dass die Fans von Popcorn-Filmen wieder ins Kino gehen wollen, wird das diesjährige Filmfestival von Venedig der große Test sein, ob das Arthouse-Publikum bereit ist, ihnen zu folgen.

Adaption aus dem Englischen: Sven Töniges

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