Vom Bergbauernhof nach Hollywood: Happy Birthday, Werner Herzog! | DW

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Eine von Werner Herzogs frühesten Kindheitserinnerungen ist das brennende Rosenheim. Die oberbayerische Stadt wurde gegen Ende des Zweiten Weltkriegs von alliierten Fliegern in Brand gebombt. In seinen Erinnerungen beschreibt Herzog eindrücklich, wie der gesamte Nachthimmel orange und gelb glühend pulsierte. “Ich wusste von diesem Moment an, dass es draußen, außerhalb unserer Welt, außerhalb unseres engen Tals, noch eine andere Welt gab, die gefährlich war, die gespenstisch war”, schreibt Herzog. Die Beschreibung endet mit den überraschenden Worten: “Nicht, dass ich diese Welt gefürchtet hätte, sie machte mich neugierig.” Die Neugier gegenüber dem Chaos, der Natur, der Gefahr, hat Werner Herzog sein Leben lang begleitet.

François Truffaut rühmte seinen Kollegen einmal als den “größten lebenden Filmemacher”. Superlative werden bei Herzog oft hinzugezogen: Kein Wunder, er hat über 70 Filme gedreht, das Bundesverdienstkreuz und einige der wichtigsten Filmpreise weltweit erhalten und gehört laut “Time Magazine” zu den 100 einflussreichsten Menschen der Welt. Neben seiner Tätigkeit als Filmemacher hat er Bücher geschrieben und literarisch übersetzt, er hat Opern inszeniert, arbeitet als Synchronsprecher, Schauspieler, Produzent und betreibt seit 2009 mit der “Rogue Film School” eine eigene unkonventionelle Art von Filmschule. Mit Spielfilmen wie “Aguirre, der Zorn Gottes”, “Fitzcarraldo” oder “Woyzeck” und seiner kongenialen Zusammenarbeit mit dem 1991 verstorbenen Schauspieler Klaus Kinski begründete Herzog seinen Weltruhm. Dokumentarfilme wie “Grizzly Man” oder “Encounters at the End of the World” sorgten besonders in den USA für Furore.

Werner Herzog mit Laudator Wim Wenders bei der Verleihung des Europäischen Filmpreises für sein Lebenswerk 2019

Ikone in Hollywood

Herzog hat unzählige Filmschaffende beeinflusst und ist in seiner Wahlheimat, den USA, in den letzten 20 Jahren zu einer popkulturellen Ikone avanciert. Er war in allen wichtigen Talkshows von David Letterman über Conan O’Brien bis Stephen Colbert. Herzog wird immer wieder zitiert, ist Internet-Meme und erscheint geradezu zeitlos hip. Die US-amerikanische Staatsbürgerschaft will Herzog trotz aller ihm entgegengebrachten Verehrung dennoch nicht haben. Er könne nicht Bürger eines Landes werden, in welchem es die Todesstrafe gebe, sagte er in einem Podcast mit der Talkmasterin Sandra Maischberger. Zahlreiche Veröffentlichungen beschäftigen sich mit Werner Herzogs enormem Einfluss auf die Filmwelt. Keine einzige davon habe er je gelesen, Werke über ihn hätten ihn nie interessiert, sagt er in dem Interviewband “A Guide For The Perplexed”. Es gehe ihm immer um seinen nächsten Film.

Umso interessanter ist es, endlich in Herzogs eigenen Worten zu lesen, wie er als kleiner Junge unter großen Entbehrungen, hungrig und arm, als Kriegsflüchtling mit seiner alleinerziehenden Mutter und seinem älteren Bruder auf einem entlegenen Bergbauernhof in Bayern gelandet und dort aufgewachsen ist. Wie es dazu kam, dass dieser Junge schließlich zu solch einer schillernden Person wurde, davon erzählt Herzog auf beeindruckende und fesselnde Art und Weise in seiner Autobiografie.

  • Europäischer Filmpreis für das Lebenswerk geht an Werner Herzog

    Cineastischer Welterklärer: Werner Herzog

    Herzog erhält den Preis für das Lebenswerk im Alter von 77 Jahren. Doch auch im fortgeschrittenen Alter ist der deutsche Regisseur ist weiterhin sehr aktiv. In den letzten Jahren war er vor allem in den USA aktiv, wo er zahlreiche Spiel- und Dokumentarfilme inszeniert hat.

  • Europäischer Filmpreis für das Lebenswerk geht an Werner Herzog

    Spielfilmdebüt “Lebenszeichen”

    Schon in seinem Debüt deutete Herzog seine enorme künstlerische Spannbreite an. Als sein Film “Lebenszeichen” 1968 in die Kinos kam, hatte der “Neue Deutsche Film” schon Fahrt aufgenommen. Mit Herzog betrat nun noch ein außergewöhnliches Talent die Bühne. “Lebenszeichen” erzählte von einem versprengten Haufen deutscher Wehrmacht-Soldaten in Griechenland während des Zweiten Weltkriegs.

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    Außenseiter: “Auch Zwerge haben klein angefangen”

    Zwei Jahre später präsentierte Herzog bei den Filmfestspielen in Cannes mit “Auch Zwerge haben klein angefangen” einen außergewöhnlichen Beitrag, in dem ausschließlich kleinwüchsige Darsteller mitspielen. Anarchie und Revolution, Individuum und Gesellschaft – das waren die Themen dieses Films. Herzog sollte sie später noch öfters aufgreifen.

  • Europäischer Filmpreis für das Lebenswerk geht an Werner Herzog

    Klaus Kinski in “Aguirre, der Zorn Gottes”

    Ab 1972 wurden Herzogs Filme mit dem Südamerika-Drama “Aguirre, der Zorn Gottes” auch bei einem breiteren Publikum bekannt. Ein Grund dafür war sein Hauptdarsteller Klaus Kinski, mit dem der Regisseur mehrere Filme drehen sollte. Der exzentrische Darsteller und der Regisseur entwickelten sich zu einem der interessantesten Duos des “Neuen Deutschen Films”.

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    “Kasper Hauser: Jeder für sich und Gott gegen alle”

    Die Geschichte des Kasper Hauser verarbeitete Herzog 1974 in “Jeder für sich und Gott gegen alle”. Als Hauptdarsteller agierte Bruno S., der seine Kindheit in Heimen verbracht hatte und in der Bundesrepublik als geistig zurückgeblieben galt. Bruno S. spielt das historisch verbürgte Findelkind Kasper Hauser, der seine ersten Lebensjahre bis 1826 eingesperrt in einem dunklen Raum verbracht hatte.

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    “Nosferatu – Phantom der Nacht”

    Keinen historischen, sondern einen Kino-Mythos griff der Regisseur fünf Jahre später auf. Er brachte eine Neuverfilmung des Horrorfilmklassikers “Nosferatu” ins Kino. 1922 hatte Friedrich Wilhelm Murnau einen Welterfolg mit diesem deutschen Stummfilm geschaffen, Herzog knüpfte 1979 daran an – natürlich mit seinem damaligen Lieblingsschauspieler Klaus Kinski in der Rolle des Vampirs.

  • Europäischer Filmpreis für das Lebenswerk geht an Werner Herzog

    Literaturklassiker “Woyzeck”

    Herzog war Ende der 1970er Jahre fast so produktiv wie sein Kollege Rainer Werner Fassbinder. 1979 brachte er neben “Nosferatu” noch einen weiteren Film zur Uraufführung. Für “Woyzeck” griff er wieder auf einen Klassiker zurück, diesmal aus der Literaturgeschichte. Georg Büchners gleichnamiges Drama wurde von Herzog kongenial verfilmt, wieder mit Kinski in der Rolle des geschundenen Soldaten.

  • Europäischer Filmpreis für das Lebenswerk geht an Werner Herzog

    Zweites Südamerika-Drama: “Fitzcarraldo”

    Endgültig an der Weltspitze des Kinos angekommen war Werner Herzog mit “Fitzcarraldo”. 1982 wurde der Film in Cannes mit dem Preis für die beste Regie ausgezeichnet. In den Hauptrollen: Klaus Kinski und Claudia Cardinale. Bei den schweißtreibenden Dreharbeiten in Peru und Brasilien wurde unter anderem ein komplettes Schiff über einen Bergrücken gehievt.

  • Europäischer Filmpreis für das Lebenswerk geht an Werner Herzog

    “Mein liebster Feind”

    Einige Jahre nach dem Tod von Klaus Kinski dokumentierte Herzog seine nicht immer einfache Zusammenarbeit mit dem Lieblingsschauspieler Kinski in der Doku “Mein liebster Feind”. In dieser Lebensphase lieferte der Regisseur auch einige schwächere Spielfilme ab. Doch die Dokumentation war ein Lichtblick, weil sie zeigte, dass die Zusammenarbeit sich immer auch am Rande des Wahnsinns bewegte.

  • Europäischer Filmpreis für das Lebenswerk geht an Werner Herzog

    USA-Comeback: “Bad Lieutenant”

    Nachdem einige seiner deutschen Regiekollegen in Hollywood entweder gescheitert oder nach nur wenigen Jahren in die Heimat zurückgekehrt waren, schaffte es Herzog, sich dauerhaft in den USA zu etablieren. Ausgerechnet dem eigenwilligen Bayern gelang es, mit großen Stars zusammenzuarbeiten – wie hier mit Nicolas Cage und Eva Mendes in dem Polizeifilm “Bad Lieutenant: Port of Call New Orleans”.

  • Europäischer Filmpreis für das Lebenswerk geht an Werner Herzog

    Höhlenwanderer: “Die Höhle der vergessenen Träume”

    Werner Herzog dreht neben seinen Spielfilmen mit Hollywood-Stars auch weiter unermüdlich aufregende Dokumentationen. In “Die Höhle der vergessenen Träume” (2010) zeigt er, wie er mit einem kleinen Team in die südfranzösische Chauvet-Höhle hinabsteigt und die weltberühmten Höhlenmalereien filmt. Wie immer bei Herzog wird das von ihm selbst kommentiert – in seiner urbayrischen Sprachfärbung

  • Europäischer Filmpreis für das Lebenswerk geht an Werner Herzog

    Nicole Kidman in “Königin der Wüste”

    Vor vier Jahren überraschte der Regisseur sein Publikum dann wiederum mit einem Spielfilm mit einem Top-Star. In “Königin der Wüste” ist Nicole Kidman als britische Historikerin und Abenteurerin Gertrude Bell zu sehen. Der bei der Berlinale uraufgeführte Historienfilm fiel allerdings beim Publikum durch. Künstlerisch gehört er zu den schwächeren Filmen des Regisseurs.

  • Europäischer Filmpreis für das Lebenswerk geht an Werner Herzog

    Blick in die Zukunft: “Lo and Behold”

    Die nachfolgende Dokumentation nach dem Wüstendebakel wurde wieder ein Erfolg. Herzog philosophierte in dem Film “Lo and Behold” über das Internet und das Thema “Künstliche Intelligenz” und beschrieb deren Möglichkeiten und Risiken. Er befragt bekannte Hirnforscher aus den USA und teilt dem Zuschauer seine Faszination mit.

  • Europäischer Filmpreis für das Lebenswerk geht an Werner Herzog

    Europäischer Preis fürs Lebenswerk: Werner Herzog

    Den Preis für das Lebenswerk, die Ehren-Lola des Deutschen Films, hat er schon bekommen – hier hält er die Trophäe im Jahr 2013 in den Händen. Nun folgt also am 7. Dezember in Berlin die europäische Ehre. Verdient ist sie auf jeden Fall. Es gibt wohl kaum einen anderen Regisseur, der so viele originelle und auch unterschiedliche Spiel- und Dokumentarfilme in den letzten Jahrzehnten gedreht hat.

    Autorin/Autor: Jochen Kürten

Aus dem prallen Leben

Seine Prosa ist dabei durchzogen von Poesie und voller lyrischer Passagen, so wie seine Dokumentarfilme enorm viel Fiktives, Inszeniertes beinhalten und seine Spielfilme wiederum viel mit Dokumentarfilmen gemein haben. Einen seiner größten Welterfolge, den Spielfilm “Fitzcarraldo”, bezeichnete Herzog in Interviews oft als “meinen besten Dokumentarfilm”. Herzogs Bilder sind klar und direkt und strahlen eine Einfachheit aus, doch dahinter steckt immer eine minutiöse Vorbereitung, eine Welt an Wissen und Details.

Werner Herzog (links) mit Claudia Cardinale und Klaus Kinski bei den Dreharbeiten zu “Fitzcarraldo” im Jahr 1982

Werner Herzog geht in die Vollen, wenn es um die Wahl seiner filmischen “Waffen” geht. Er mache auch keine deutschen, sondern bayerische Filme, “lebenssatter als das, was so in anderen Teilen Deutschlands gemacht wird”, so Herzog in einem Interview. Aus dem prallen Leben kann Herzog schier endlos schöpfen. Er hat in seinem eigenen Leben schon Nachtschichten als Punktschweißer in einer Metallfabrik geschoben, in Griechenland als Fischer gearbeitet und ist in Mexiko als Rodeo-Clown auf Stieren geritten. Er hat geschmuggelt und für seine Filme Dokumente gefälscht, Schlösser geknackt und immer wieder Haus- und Landfriedensbruch begangen.

Ein Soldat des Kinos

“Wohin hat einen, mich, das Schicksal verschlagen? Wie hat es dem Leben immer neue Wendungen gegeben?”, fragt sich Herzog in seinen Erinnerungen. “Vieles, sehe ich, ist aber auch konstant – eine Vision, die mich nie verlassen hat, und wie bei einem guten Soldaten auch das Gefühl für Pflicht, Loyalität, Courage. Ich wollte immer Außenposten halten, die von allen anderen schon fluchtartig verlassen worden sind.” Ihn zieht es an die Ränder der Welt und der Gesellschaft. Wo andere sich nicht mehr weitertrauen, beginnt der Weg des Werner Herzog.

Der Mensch und die Natur: Filmstill aus “Grizzly Man” (2005)

Herzog sieht sich Zeit seines Lebens als “Soldat des Kinos”, der mit allem, was er hat, in die Schlacht zieht. Er sagt von sich, für einen Film würde er sogar in die Tiefen der Hölle hinabsteigen, um ihn dem Teufel abzuringen. Und man glaubt es ihm, denn Werner Herzog ist furchtlos. Wehleidigkeit und Jammern sind ihm zutiefst zuwider. Courage hingegen zieht ihn an, genauso wie die Schönheit des Sinnlosen. Der Dampfer, den Fitzcarraldo im gleichnamigen Film über den Berg im Urwald zieht, sei eine wichtige Metapher – er wisse nur nicht, wofür, sagte Herzog einmal.

Ekstatische Wahrheit

“Man versetzt Berge nicht mit Geld, sondern mit Glauben”, so Herzog. Film sei für ihn stets auch eine Redefinition von Wahrheit. In den 1960er Jahren war es das Cinéma vérité, das versuchte, mit größtmöglicher Authentizität die Wahrheit abzubilden. Laut Herzog schaffen Fakten in einem Film jedoch nie Erkenntnis, sondern lediglich Normen. Für Herzog war Cinéma vérité immer die “Wahrheit von Buchhaltern”. Seine Antwort darauf war die “ekstatische Wahrheit”, die er mit Inszenierungen und dokumentarischen Mitteln vermaß. Genre-Beschränkungen interessierten ihn dabei nicht.

Herzog als Bösewicht Zec Tschelovek im Hollywood-Thriller “Jack Reacher” mit Tom Cruise (2012)

In seiner Biografie beschreibt Werner Herzog einen weiteren, geradezu magischen Moment, den er als junger Mann in einem Fischerboot vor der griechischen Küste erlebte: “Über mir war der Dom des Weltalls, Sterne wie zum Greifen, alles schaukelte mich sanft in einer Wiege der Unendlichkeit. Und unter mir, von der Karbidlampe hell erleuchtet, war die Tiefe des Ozeans, als setzte sich die Kuppel des Firmaments mit ihm zu einer Sphäre zusammen. Anstelle von Sternen waren dort überall silbern blitzende kleine Fische. Eingebettet in ein Weltall ohnegleichen, oben, unten, überall, in dem es allen Geräuschen den Atem verschlagen hatte, fand ich mich selbst auf einmal in einem unfassbaren Staunen wieder. Ich war mir sicher, dass ich hier und jetzt alles wusste. Mein Schicksal war mir offenkundig.”

Es ist die tiefe Bewunderung der Natur und die Liebe zum Menschen, sein unbedingter Humanismus, der dem Werk Werner Herzogs seine Strahlkraft verleiht und seine Filme weltweit beliebt macht. Das Knacken von Schlössern und die Fälschung einer Dreherlaubnis hält er übrigens bis heute für die wichtigsten Dinge, die man angehenden Regisseurinnen und Regisseuren vermitteln sollte. Das restliche fürs Filmemachen nötige Handwerkszeug könne man ja in zwei Wochen erlernen.

 

“Jeder für sich und Gott gegen alle: Erinnerungen” (352 Seiten) ist am 22. August im Hanser Verlag erschienen. Die Deutsche Kinemathek würdigt Werner Herzog vom 25.08.2022 bis 27.03.2023 in einer Sonderausstellung.

(Dieser Artikel wurde am 04.09.2022 aktualisiert.)

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