Ukraine aktuell: Selenskyj fordert internationale Schutzmaßnahmen für AKW Saporischschja | DW

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Das Wichtigste in Kürze:

  • Selenskyj will internationale Schutzvorkehrungen für Kraftwerk Saporischschja
  • Ukrainische Streitkräfte schalten angeblich einen Stützpunkt der Wagner Gruppe aus
  • Saboteure sprengen Eisenbahnbrücke bei der russisch besetzten Stadt Melitopol
  • Lettland liefert vier Militärhubschrauber an Kiew
  • Prorussische Separatisten stellen fünf Ausländer vor Gericht

“Wenn die Welt jetzt nicht Stärke und Entschlossenheit zeigt, um ein Atomkraftwerk zu verteidigen, bedeutet das, dass die Welt verloren hat”, sagte der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj in einer nächtlichen Videobotschaft. Es gehe um den Schutz vor radioaktiver Verstrahlung. Russland hat das Atomkraftwerk kurz nach dem Einmarsch in die Ukraine unter seine Gewalt gebracht. Die Ukraine und Russland werfen sich seit Wochen gegenseitig vor, Europas größtes Kernkraftwerk zu beschießen und damit eine atomare Katastrophe heraufzubeschwören. Eine erhöhte Radioaktivität wurde nach Angaben von Experten bisher nicht registriert.

Selenskyj forderte Moskau erneut mit Nachdruck zum Rückzug seiner Soldaten aus dem Atomkraftwerk Saporischschja auf. Er warnte einmal mehr auch vor den Folgen einer möglichen nuklearen Katastrophe. “Jeder radioaktive Zwischenfall im Atomkraftwerk Saporischschja könnte auch zu einem Schlag gegen die Staaten der Europäischen Union und gegen die Türkei und gegen Georgien und gegen die Staaten weiter entfernter Regionen werden”, sagte er. “Alles hängt nur von der Richtung und der Stärke des Windes ab.”

UN widersprechen russischen Vorwürfen

Angesichts anhaltender Vorwürfe wegen der Verzögerung einer internationalen Experten-Mission zum ukrainischen Atomkraftwerk Saporischschja haben die UN russischen Vorwürfen widersprochen. Anders als von Moskau dargestellt hätten die Vereinten Nationen eine Operation der Internationalen Atomenergiebehörde IAEA weder verhindert noch blockiert. “Das UN-Sekretariat ist nicht befugt, Aktivitäten der IAEA zu blockieren oder abzubrechen”, sagte UN-Sprecher Stephane Dujarric. Die IAEA handle unabhängig. 

Das Foto des russischen Verteidigungsministeriums zeigt das Atomkraftwerk Saporischschja in der Ukraine

Dujarric betonte, dass die Ukraine eine IAEA-Mission von ukrainisch kontrolliertem Gebiet aus beschützen könne. Dennoch müsse es eine Einigung zwischen Russland und der Ukraine geben, schließlich befinde sich das Kraftwerk derzeit auf russisch kontrolliertem Territorium. Zuletzt hatte es Unstimmigkeiten darüber gegeben, wie ein Reiseweg der IAEA-Experten aussehen könnte.

Unterdessen sprachen Russlands Verteidigungsminister Sergej Schoigu und UN-Generalsekretär António Guterres in einem Telefonat über die Lage in Saporischschja. Dabei seien die Bedingungen für einen sicheren Betrieb des Atomkraftwerks erörtert worden, teilte das Ministerium in Moskau mit. Mehr als 40 Staaten hatten Russland aufgefordert, Europas größtes Kernkraftwerk wieder der Ukraine zu übergeben. Russland lehnt das ab.

Ukraine: Stützpunkt von russischer Söldner-Truppe beschossen

Die ukrainische Armee hat nach eigenen Angaben einen Stützpunkt der russischen Söldnergruppe Wagner in der Ostukraine angegriffen. Der Stützpunkt der Wagner-Gruppe sei bei dem Präzisionsangriff zerstört worden, teilte der Gouverneur der Region Luhansk, Serhij Hajdaj, mit. Die Söldnergruppe Wagner gilt als Russlands “Schattenarmee” und soll in Krisenregionen wie Syrien, Libyen und Mali aktiv sein. Es gibt Vermutungen, dass sie mit dem russischen Oligarchen Jewgeni Prigoschin in Verbindung steht, der als enger Vertrauter von Präsident Wladimir Putin gilt. Den Söldnern werden schwere Menschenrechtsverstöße vorgeworfen, darunter Folter und gezielte Tötungen. Moskau bestreitet jegliche Verbindungen zu der Gruppe.

Ein Mehrfachraketenwerfer BM-21 Grad wird von ukrainischen Soldaten für einen Präzisionsangriff abgefeuert (Archivbild)

Sabotageaktion gegen Brücke in der Südukraine

Nach ukrainischen Angaben haben Saboteure eine Eisenbahnbrücke südwestlich der russisch besetzten Stadt Melitopol in der Südukraine gesprengt. Dadurch kämen nun keine Militärzüge mehr von der Halbinsel Krim an, schrieb der Bürgermeister von Melitopol, Iwan Fjodorow, auf Telegram. Russland hatte die Krim im Jahr 2014 annektiert und nutzt sie als Stützpunkt für die Versorgung der eigenen Truppen, die im Süden der Ukraine stehen. Die Ukraine startete zuletzt eine Gegenoffensive im Süden des Landes. Dabei konnte sie nach eigenen Angaben einige Gebiete zurückerobern.

Lettland liefert vier Militärhubschrauber an die Ukraine

Die Ukraine hat von dem EU- und NATO-Mitgliedsstaat Lettland vier Hubschrauber als Militärhilfe für den Krieg gegen Russland erhalten. Jeweils zwei Helikopter vom Typ Mi-17- und Mi-2 seien teils zerlegt an die ukrainische Luftwaffe geliefert worden, teilte das Verteidigungsministerium in Riga mit. Die Helikopter waren einst in der Sowjetunion entwickelt worden. “Jetzt, da ukrainische Soldaten vielerorts Gegenangriffe durchführen, werden unsere gespendeten Hubschrauber dabei helfen, Militäroperationen durchzuführen und Leben zu retten”, erklärte Verteidigungsminister Artis Pabriks. Lettland hat damit nach eigenen Angaben seit dem russischen Angriff Ende Februar militärische Hilfe im Wert von mehr 200 Millionen Euro an die Ukraine geleistet. Unter den gelieferten Waffen waren etwa Stinger-Flugabwehrraketen und Panzerabwehrwaffen.

Die ukrainische Luftwaffe verfügt bereits über Helikopter des Typs Mi-17

Fünf Europäer von prorussischen Separatisten vor Gericht gestellt

In der Ostukraine haben prorussische Separatisten fünf Europäer vor Gericht gestellt, bei denen es sich russischen Medien zufolge um Söldner handeln soll. Die fünf Angeklagten – ein Schwede, ein Kroate und drei Briten – plädierten zum Prozessauftakt in Donezk auf nicht schuldig. Nach dem Gesetz der selbsternannten prorussischen Volksrepublik Donezk könnte den Europäern die Todesstrafe drohen.

Die nächste Gerichtsanhörung wurde ohne Angabe von Gründen erst für Oktober angesetzt. Nach einer Meldung der russischen Nachrichtenagentur RIA Nowosti waren der Schwede, der Kroate und einer der Briten im ukrainischen Hafen Mariupol gefangengenommen worden. Ihnen drohe wegen versuchter “Machtübernahme” und “Beteiligung an einem bewaffneten Konflikt als Söldner” die Hinrichtung. Gegen einen weiteren Briten wird demnach als einziger Vorwurf erhoben, ein Söldner zu sein. Dem dritten Briten werde der Prozess gemacht, weil er Söldner für den Kampf in der Ukraine rekrutiert habe.

Am 9. Juni hatte das oberste Gericht der selbsternannten Volksrepublik Donezk bereits zwei Briten und einen Marokkaner wegen des Vorwurfs, sie hätten als Söldner in der Ukraine gekämpft, zum Tode verurteilt. Alle drei haben Berufung gegen das Urteil eingelegt. Ausländische Regierungen weigern sich, mit der selbsternannten, von Russland anerkannten Volksrepublik Donezk zu verhandeln.

Putin bekräftigt Ziel der Einnahme des Donbass in der Ukraine

Fast sechs Monate nach Beginn seines Angriffskrieges gegen die Ukraine hält der russische Präsident Wladimir Putin am Ziel einer kompletten Einnahme des Donbass fest. Die russische Armee erfülle in den sogenannten Volksrepubliken Donezk und Luhansk ihre Aufgaben, sagte der Kremlchef auf einem Militärforum in der Nähe von Moskau.

Präsident Wladimir Putin spricht zur Eröffnung des “Army 2022 International Military and Technical Forum”

Während die Ukraine Russland schwerste Kriegsverbrechen und eine blutige Besatzerpolitik vorwirft, behauptete Putin einmal mehr, dass “der Boden des Donbass Schritt für Schritt befreit” werde von ukrainischen Nationalisten. Putin hatte im Februar die ukrainischen Regionen Donezk und Luhansk gegen internationalen Protest als unabhängige Staaten anerkannt und einen Krieg begonnen.

Bei dem Forum gab es auch eine Waffenschau mit Panzern und Raketen, auf der Russland für seine Rüstungsgüter warb. Putin lobte in seiner Rede die Arbeit russischer Rüstungskonzerne bei der Ausstattung der Armee und Flotte mit “modernen Waffen, die heute für den Sieg arbeiten”. Der Kremlchef sagte auch mit Blick auf internationale Gäste aus 70 Ländern, dass Russland Partner auf vielen Kontinenten habe, die Mut und Charakter zeigten, ohne sich vor den USA zu verbeugen.

Getreidefracht verlässt Ukraine in Richtung Afrika

Erstmals seit Beginn des Kriegs exportiert die Ukraine auch wieder Getreide nach Afrika. Die “Brave Commander” mit 23.000 Tonnen Weizen hat den ukrainischen Hafen Piwdennyj in Richtung Äthiopien verlassen, wie Daten der Anaylstenplattform Refinitiv Eikon zeigen. Das türkische Verteidigungsministerium spricht gar von zwei Frachtern, die im Rahmen eines von den Vereinten Nationen vermittelten Getreideexports am Hafen Piwdennyj abgelegt haben. 

Die Ukraine gehört zu den weltweit größten Exporteuren von Getreide. Russland hatte die Häfen seit der Invasion in die Ukraine Ende Februar blockiert, weshalb die Ausfuhren fast vollständig zum Erliegen kamen. Insbesondere Afrika war davon betroffen. Seit der Vereinbarung zur Wiederaufnahme von Getreideexporten per Schiff im Juli haben ukrainischen Angaben zufolge 17 Frachter mit insgesamt 475.000 Tonnen an landwirtschaftlichen Gütern die heimischen Häfen verlassen können. An dem Abkommen sind neben Russland und der Ukraine auch die Türkei und die Vereinten Nationen beteiligt. 

Dieser Artikel wird am Tag seines Erscheinens fortlaufend aktualisiert. Meldungen aus den Kampfgebieten lassen sich nicht unabhängig überprüfen.

kle/ehl/djo/sti (dpa, rtr, afp)

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