Star-Architekt Peter Eisenman wird 90 | DW

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Geht man zwischen den scheinbar endlosen Reihen von Betonstelen des Berliner Holocaust-Denkmals umher, gibt es unendlich viele Optionen. Doch jede getroffene Entscheidung – egal ob man geradeaus läuft, links oder rechts abbiegt – scheint ins Nirgendwo zu führen. Es kann sein, dass man plötzlich den Kopf einer anderen Person aus dem Beton auftauchen – und genauso schnell wieder ins Grau-in-Grau verschwinden sieht. Bei manchen erzeugt das Denkmal ein Gefühl der Desorientierung, andere fühlen nichts.

Vielfach wurde das Denkmal für die ermordeten Juden Europas nahe des Potsdamer Platzes im Zentrum Berlins kritisiert: Es enthalte keine Information über ein desaströses Kapitel der Geschichte, so ein Vorwurf. Peter Eisenman, der wortgewandte Architekt des Denkmals, erwiderte: “Wir können das, was geschehen ist, nicht begreifen. Es macht uns hilflos. Und von dieser Hilflosigkeit lässt sich im Mahnmal etwas erfahren.” Es gehe beim Gang durch die Stelen um die Erfahrung, nicht darum, einen verborgenen Sinn zu entschlüsseln. “Man bekommt merkwürdige körperliche Empfindungen wie Wellenbewegungen, Kippen, Neigen und man spürt Verwirrung, Isolation, Orientierungslosigkeit; man weiß nie, wo man sich befindet.”

Von Weitem gut sichtbar: die Wellenform des Holocaust Denkmals in Berlin

“Das Gewöhnliche, das Banale”

Das 2005 eröffnete Mahnmal erstreckt sich über 19.000 Quadratmeter auf dem ehemaligen Gartengelände der Reichskanzlei, wo von 1878 bis 1945 die Behörde des Kanzlers des Deutschen Reichs untergebracht war.

Unter Hunderten von Mitbewerbern hatte sich Eisenmann in den späten 1990er-Jahren durchgesetzt und den Zuschlag für das Projekt bekommen. Die Wellen, die die Anordnung der 2711 Betonstelen bilden, hat er zufällig vom Computer generieren lassen. Später sagte Eisenman jedoch selbstkritisch über das Ergebnis: “Ich glaube, es ist ein bisschen zu ästhetisch… ich wollte nichts, das nach Design aussieht. Ich wollte das Gewöhnliche, das Banale.”

Passion für die Wissenschaft 

Am 11. August 1932 in Newark (New Jersey) als Sohn jüdischer Eltern geboren, studierte Peter Eisenman an der Cornell University in Ithaca, New York; außerdem an der Columbia University in New York City und an der Cambridge University in England. Mit Lehraufträgen an den Universitäten in Cambridge, Harvard, Princeton, Ohio State, The Cooper Union (New York)  und an der Yale University nahm er rege am akademischen Leben teil. 

1957 und 1958 arbeitete Eisenman in “The Architects Collaborative”, das der in die USA ausgewanderte Berliner Architekt Walter Gropius gegründet hatte. Nach seiner Zeit als Professor in Princeton gründete Eisenman 1967 das “Institute for Architecture and Urban Studies” und leitete es bis 1981.

Lebensziel: bilden statt gefallen

Zu Eisenmans Einfluss als kreativer Kopf und Ideengeber sagte Mark Wigley, ehemaliger Direktor der Columbia University, im Jahr 2011: “Peter verkörperte schon immer die Fähigkeit des großen Wandels. Manche behaupten, er hat zwei, drei oder vier Generationen geprägt. Sein Lebensziel ist es nicht, zu gefallen sondern zu bilden.”

In seinen Bauten, Lehren und theoretischen Schriften ist Peter Eisenman mit dem Dekonstruktivismus verbunden, einer Architekturbewegung, in der es darum geht, Gebäude von Traditionen zu befreien, Erwartungen zu konterkarieren, Formen zu brechen und Symmetrie abzulehnen. 

Eine bestimmte Handschrift, die sich in jedem seiner Gebäude widerspiegelt, sucht man vergebens: “Wenn ich meine Arbeit auf meiner Website ansehe, denke ich mir, könnte jemand Peter Eisenman erkennen? Ich bin nicht sicher”, sagte er selbst über seine Kreationen und fügte hinzu: Das sei such gut so, sonst würden alle Bauten gleich aussehen.

Wenn man ihn trotzdem in eine Schublade stecken will, dann sei das eben so: “Ich kann nichts dagegen tun, was die Leute sagen oder denken. Sie können sagen oder denken, was auch immer sie wollen, solange sie meinen Namen richtig schreiben”, sagte er kürzlich einem Fachmagazin.

Der Kulturstadt in Santiago de Compostela gab Peter Eisenman die Form einer Jakobsmuschel

Eisenmans Hang, sich Normen entgegenzustellen, habe sich auch in seiner Persönlichkeit widergespiegelt, sagte einst der inzwischen verstorbene amerikanische Architekt Charles Gwathmey: “Er ist unser Gewissen. Er zwingt einen, sich mit den Fragen, die man vermeiden will, direkt zu konfrontieren. Ich glaube, seine Leidenschaft und seine Risikobereitschaft waren immer für uns, die ihn gut kannten, ein Vorbild – und auch für diejenigen, die er einschüchterte, provozierte oder anregte.”

Große Werke – und Kontroversen

Der Dekonstruktivismus im Werk Eisenmans hatte auch konkrete und kostspielige Nachteile. Das “Wexner Center for the Visual Arts” in Columbus, Ohio, das bei der Eröffnung 1989 als erster großer öffentlicher Bau im Stil des Dekonstruktivismus gepriesen wurde, hat durch die schrägen Flächen im Inneren eine verstörende Wirkung auf Besucher. Einige berichteten, sie empfinden Übelkeit beim Durchlaufen. Fehler im Grundbau erforderten zudem eine aufwendige und kostspielige Sanierung.

Der Architekt, der sich nicht gern kategorisieren lässt, sagte einmal: “Ich will nicht gut oder böse, richtig oder falsch, links oder rechts sein. Ich bin auch kein Modernist.” Im Interview mit der Zeitschrift “Architect” im Jahr 2004 meinte er: “Wenn es nur dekonstruktivistische Bauten in der Welt gäbe, würde ich verrückt werden.”

Bedeutung für die Architekturszene

Zu Eisenmans Arbeiten gehören größere Städtebauprojekte, darunter das “Koizumi Sangyo”-Gebäude in Tokio, ein Stadion an der University of Phoenix in Arizona und die sechs Gebäude umfassende “Ciudad de la Cultura de Galicia” (Galizische Kulturstadt) im spanischen Santiago de Compostela. Er schrieb mehrere Bücher und wurde mit zahlreichen internationalen Preisen geehrt, unter anderem mit dem ersten Preis der Architekturbiennale Venedig 1985. 

Eisenmans Bedeutung im historischen Kontext fasste der Architekt Rafael Viñoly 2011 so zusammen: “Ich denke, er hat im ganzen Fach ein Wissen hinterlassen, das heute viel größer ist als es vor ihm war. Er ist der größte Polemiker der Welt und ein unglaublich begabter Mann. Es macht Spaß, Zeit mit ihm zu verbringen, und er ist fair. Sein Typ ist heutzutage in unserer Zunft nur selten vertreten.”

Dies ist die aktualisierte Fassung eines Artikels vom 10.08.2017.

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