Mysteriöses Fischsterben in der Oder: Klimawandel oder Giftabfälle? | DW

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In der Oder, dem Grenzfluss zwischen Deutschland und Polen, wurden erneut tausende tote Fische entdeckt, diesmal in der Nähe der Stadt Frankfurt an der Oder. Die örtlichen Behörden warnten Anwohner vor Kontakt mit dem Wasser – dasselbe gelte auch für Haus- und Nutztiere.

Die genaue Ursache des massenhaften Fischsterbens, das vor etwa zwei Wochen bereits von weiter flussaufwärts gemeldet wurde, ist weiterhin unklar.

Bereits Ende Juli fanden polnische Angler in der Nähe der Stadt Oława, etwa 300 Kilometer flussaufwärts des aktuellen Fischsterbens, tonnenweise tote Fische in dem Fluss. Damals entdeckte die niederschlesische Wasserbehörde mit Sitz in der nahe gelegenen polnischen Stadt Wrocław (Breslau) an zwei Stellen der Oder eine giftige Substanz – vermutlich das Lösungsmittel Mesitylen, das bekanntermaßen toxisch auf Fische wirkt. Spätere Tests ergaben jedoch keine Hinweise mehr auf auf Mesitylen.  

Unterdessen zeigten Wasserproben, die von den Wasserbehörden auf der deutschen Seite der Oder im Land Brandenburg entnommen wurden, eine erhebliche Belastung des Wassers mit Quecksilber, wie der öffentlich-rechtliche Rundfunk Berlin-Brandenburg (RBB) berichtet. Quecksilber ist für Menschen und Tiere giftig und reichert sich im Körper an. Eine offizielle Erklärung für die erhöhten Quecksilberwerte liegt noch nicht vor.

Christian Wolter, wissenschaftlicher Mitarbeiter in der Abteilung Fischbiologie, Fischerei und Aquakultur am Leibniz-Institut für Gewässerökologie und Binnenfischerei in Berlin, vermutet, dass laufende Baggerarbeiten zur Vertiefung der Flussrinne Quecksilber freigesetzt haben könnten. “Quecksilber ist im Bodensediment der Oder enthalten, es stammt aus früheren Verschmutzungen.”

Doch es gebe noch weitere Probleme an der Oder. 

Hitze und Trockenheit können Fischsterben auslösen

Die Fische im Fluss hätten aktuell mit einem geringen Sauerstoffgehalt zu kämpfen. Dafür verantwortlich seien die historisch niedrigen Wasserstände – ein Trend seit 2018 – und hohe Wassertemperaturen von etwa 25 Grad Celsius, so Wolter. “Wenn Fische gestresst sind, verschnellert sich ihre Atmung” – und das bedeute, dass sie mehr Sauerstoff benötigten.

Diese Situation habe sich durch das dauerhaftes Einleiten von Abwasser in die Oder noch verschärft. “Das ist zwar legal und würde normalerweise auch keine große Rolle spielen”, sagt Wolter. “Aber bei niedrigem Wasserstand kommt es zu einer höheren Konzentration von [sauerstoffzehrendem Anm.d.Red.] Salz und organischem Material.”

Der extrem niedrige Wasserstand der Oder könnte im Zusammenspiel mit einer möglichen Verseuchung das Fischsterben noch beschleunigt haben

Hinzu kommt, dass auf der polnischen Seite derzeit Buhnen gebaut werden, die Erosionen des Flussbettes verhindern sollen: starre Strukturen aus Felsen, Erde und Kies, die von den Ufern aus in das Flussbett ragen. Dadurch hätten sich Sedimente im Fluss angereichert, was wiederum den Sauerstoffgehalt im ohnehin schon flachen Wasser verringere, erklärt der Wissenschaftler.

Dies steht im Widerspruch zu Berichten der Wasserbehörden, denen zufolge in der Oder höhere Sauerstoffwerte als üblich festgestellt wurden – was mit der Konzentration an Mesitylen zusammenhängen könnte. Doch es gebe keine Messwerte einer hohen toxischen Belastung mit Mesitylen, die diese Behauptung stützen würden, so Wolter. Zudem schwanke der natürliche Sauerstoffgehalt des Wassers im Laufe des Tages.

Der Fischereiforscher hält es auch deswegen für unwahrscheinlich, dass die Mesitylen-Kontamination die flussabwärts von Oława gefundenen Fische getötet hat, weil sich das giftige Lösungsmittel bereits verflüchtigt haben müsste. “Wäre es durch einen Unfall Ende Juli freigesetzt worden, hätte mit Mesitylen belastetes Wasser Frankfurt viel früher passieren müssen.”

Polnische Fischer fanden die ersten toten Tiere bereits im März

Zudem hätten ihm Angler berichtet, dass sie schon im März weiter flussaufwärts von Oława Fischsterben beobachtet hätten, sagt Wolter. Dies deute darauf hin, dass es sich um ein tiefergehendes und weiter verbreitetes Problem handele, und nicht nur um ein einzelnes Kontaminationsereignis Ende Juli.

So seien die Überschwemmungsgebiete bei Oława in den letzten Jahrzehnten übermäßig entwässert worden, was zu einem viel trockeneren und gestressten Flusssystem geführt habe, führt Wolter aus.

Polens Grüne beklagen Untätigkeit der Behörden

Trotz trotz der Meldungen über die Umweltkatastrophe an der Oder hätten die polnischen Regierungsbehörden die Anwohner nicht einmal vor Kontakt mit dem Flusswasser gewarnt, empört sich die Europaabgeordnete Małgorzata Tracz von den polnischen Grünen.

Vom Wasser der Oder sollte man besser Abstand halten, warnen (nun) die Behörden

Allein in der Nähe von Oława seien etwa acht Tonnen Fisch gefunden wurden, so Tracz im DW-Interview. “Das Problem ist riesig. Es ist nichts, was man ignorieren kann oder was sich von alleine wieder einrenkt.” Die örtlichen Fischer seien “entsetzt über die Situation”. Weil die polnischen Behörden nicht gehandelt hätten, seien es die polnischen Angler gewesen, die die Öffentlichkeit über die Umweltkatastrophe informiert hätten.

Die Europaabgeordnete hat per E-Mail die lokalen und föderalen Wasser- und Umweltbehörden und -ministerien aufgefordert, die Quelle der Verschmutzung zu finden und die Schuldigen zur bestrafen. Bislang habe sie keine Antwort erhalten, so Tracz, trotz der Umweltkatastrophe. Es gäbe vielen Theorien zu möglichen Ursachen, das Fischsterben in einer der ursprünglichsten Wasserstraßen Europas müsse nun gründlich untersucht werden, fordert die Grünen-Abgeordnete.

Deutsche Verbände fordern besseren Wasserschutz für die Oder 

Deutsche Umweltverbände machen unzureichende Wasserschutzmaßnahmen für das Fischsterben in der Oder mitverantwortlich, ebenso wie eine mangelnde grenzüberschreitende Zusammenarbeit an dem Grenzfluss, der die Tschechische Republik, Polen und Deutschland durchquert.

Dabei seien alle drei Staaten bereits an ein gemeinsames Schutzabkommen gebunden: die Internationale Kommission zum Schutz der Oder, kritisiert neben Małgorzata Tracz auch der Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND).

Unzählige tote Fische treiben im flachen Wasser des deutsch-polnischen Grenzflusses

“Diese ökologische Katastrophe hätte nicht dieses Ausmaß angenommen, wenn die deutschen und polnischen Behörden intensiver zusammengearbeitet hätten”, sagt BUND-Geschäftsführerin Antje von Broock. Bereits informierte Ämter hätten früher gezielte Warnungen aussprechen müssen.

“Seit Ende Juli treiben tote Fische in der Oder, mittlerweile über mehrere hundert Kilometer”, so von Broock. Selbst wenn das Fischsterben auf eine giftige Substanz zurückgeführt werden könnte, könne ein “vielfältiges und gesundes Ökosystem” giftigen Stoffen im Fluss besser widerstehen. “Das Fischsterben ist daher auch ein Symptom für eine jahrzehntelange Fehlplanung in der Wasserwirtschaft und eine chronische Unterfinanzierung des Gewässerschutzes.”

Redaktion: Jennifer Collins

Übersetzung aus dem Englischen: Jeannette Cwienk

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