Meinung: 75 Jahre Indien – Vom Schlangenbeschwörer zur Supermacht? | DW

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Eine Begegnung mit einem älteren Herren in Deutschland vor einiger Zeit beschäftigt mich bis heute: Er habe früher gelernt, so der Mann, dass Indien ein armes Dritte-Welt-Land sei, das Hilfe braucht. In der Schule hätten sie dann Geld gesammelt und nach Indien geschickt. Nun stünde in der Zeitung, das Land sei ein IT-Riese und führend bei Start-ups. Der Deutsche fragte mich, ob wir Inder mit all den Hilfsgeldern Computer gekauft hätten.

Diese vielleicht naive Frage machte mir klar, wie sich das Image Indiens in den vergangenen 75 Jahren verändert hat. Es ist noch nicht lange her, dass man im Westen das Bild von einem Land vor Augen hatte, wo Menschen Schlangen beschwören, Kühe mitten auf der Straße laufen und Leute auf Elefanten reiten. Inzwischen hat sich Indien jedoch in den Bereichen Raumfahrt, Telekommunikation, Landwirtschaft, Energieerzeugung und Biotechnologie einen Namen gemacht – um nur einige Bereiche zu nennen. Mehr als 750 Millionen Inder nutzen das Internet – was ebenfalls zeigt, wie schnell das Land im digitalen Zeitalter vorankommt.

Führungsrolle statt Armutsromantik

Vorbei sind die Zeiten, in denen Armut und Verzweiflung romantisiert wurden. Heute arbeitet Indien daran, der weltweit größte Produzent von erneuerbaren Energien zu werden. Um eine globale Supermacht zu werden, baut Indien seine Handelsbeziehungen aus – sowohl mit dem Osten als auch mit dem Westen. Das südasiatische Land habe sich zu einer demokratischen Supermacht entwickelt, die mehr als fähig sei, die Führungsrolle in der freien Welt zu übernehmen, schrieb kürzlich Australiens früherer Premier Tony Abbott.

Isha Bhatia Sanan, Redakteurin in der Hindi-Redaktion der DW

Zweifellos hat die internationale Gemeinschaft heute höhere Erwartungen an Indien als je zuvor. Russlands Angriff auf die Ukraine ist eine der Hauptursachen. Indien entwickelt sich zu einem immer wichtigeren Akteur auf der Weltbühne. Derzeit ist es die fünftgrößte Volkswirtschaft der Welt, gemessen am Bruttoinlandsprodukt. 

Indien galt schon während des Kalten Krieges als sogenannter Blockfreier Staat – stand also weder auf der Seite des Westens noch auf der des Ostblocks. Mit dieser neutralen Haltung hat Indien auch jetzt außenpolitisch viele Optionen. Innenpolitisch hat das 1,4-Milliarden-Einwohnerland aber noch ein gewaltiges Stück Arbeit vor sich.

Die Regierung in Neu Delhi behauptet, Indiens Wirtschaftskraft könne bis 2025 auf fünf Billionen US-Dollar (über 4,8 Billionen Euro) wachsen. Doch ohne grundlegende Wirtschaftsreformen könnte dies für die größte Demokratie der Welt ein ferner Traum bleiben. Inflation, Arbeitslosigkeit, eine aufgesplitterte Elite, sozioökonomische Spaltungen im Namen der Kaste sowie Sprachprobleme und religiöser Streit sind ernsthafte Herausforderungen, denen sich das Land auch 75 Jahre nach seiner Unabhängigkeit stellen muss.

Die Spannungen zwischen Hindus und Muslimen haben sich in den vergangenen acht Jahren noch verschärft. Es wirkt, als hätte die einstige Politik des “Teilens und Herrschens” der britischen Kolonialherren ein Comeback. Die jüngsten islamfeindlichen Äußerungen eines Funktionärs der Regierungspartei BJP zeigen, dass Hassrede im Land zunimmt. Premierminister Narendra Modi hält sich stets zurück, wenn es darum geht, Stellung bei regionalen Auseinandersetzungen zu beziehen oder diese gar zu kritisieren.

Nötiger Paradigmenwechsel

Es ist besorgniserregend, dass Indien auf dem aktuellen Pressefreiheitsindex von Reporter ohne Grenzen auf Platz 150 von 180 Ländern steht. So tief ist das Land noch nie gesunken. Auch im weltweiten Index der akademischen Freiheit schneidet Indien mit einem Wert von 0,352 schlecht ab und befindet sich damit in einer Reihe mit Staaten wie Saudi-Arabien und Libyen.

Darüber hinaus liegt Indien im Welthunger-Index 2021 auf Platz 101 von 116 Ländern. Rund 25 Prozent der indischen Kinder leiden an Unterernährung, und mehr als 190 Millionen Jungen und Mädchen gehen jede Nacht ohne eine Mahlzeit zu Bett.

Es ist daher nicht überraschend, dass Indien im internationalen Glücksindex auf Platz 140 abgerutscht ist und damit hinter Pakistan, Bangladesch und China liegt. Unglücklichsein und Unzufriedenheit machen sich im ganzen Land breit.

In den vergangenen 75 Jahren hat Indien viel Kraft und Ressourcen darauf verwendet, seine Grenzen zu den Nachbarn Pakistan und China zu sichern. Zweifellos dürfen diese Sicherheitsbedenken nicht ignoriert werden. Dennoch ist es für Indien von größter Wichtigkeit, mehr Aufwand bei der Lösung der Probleme im eigenen Land zu betreiben.

Mehr als die Hälfte der indischen Bevölkerung ist unter 25 Jahre alt. Das Land muss für Bildung, Beschäftigung und Glück bei seiner Jugend sorgen. Ohne diesen Paradigmenwechsel könnte es weitere 75 Jahre dauern, bis Indien sein Ziel erreicht hat, eine globale Supermacht zu werden.

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