Meinung: 200 Jahre Unabhängigkeit von Brasilien – die Geschichte eines gebrochenen Versprechens | DW

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Man kann die Geschichte Brasiliens als Story eines großen Versprechens erzählen; als Geschichte einer Nation, die wie keine zweite die besten Voraussetzungen hat, reich und wohlhabend zu sein. Brasilien besitzt gigantische fruchtbare Flächen, Tausende teils riesige Flüsse, den größten Regenwald der Welt, eine immense biologische Vielfalt, eine fast 11.000 Kilometer lange Küste und eine Vielzahl an Bodenschätzen. Es hat eine Bevölkerung, die diverser kaum sein könnte, sie vereint die Einflüsse, Erfahrungen und Fähigkeiten aus vier Kontinenten.

Warum also, lautet die große Frage, hat Brasilien dieses Versprechen nicht einlösen können? Wieso leben rund 63 Millionen Brasilianer unter der Armutsgrenze? Wieso müssen 125 Millionen Menschen um die Sicherheit ihrer Ernährung bangen? Warum konzentriert nur ein Prozent der Brasilianer 50 Prozent der Einkommen und warum besitzen weniger als ein Prozent der Landwirte 45 Prozent der Anbauflächen? Wieso gibt es fast keine Afro-Brasilianer in Führungsposten, obwohl Schwarze mehr als die Hälfte der Bevölkerung stellen? Und wieso werden jedes Jahr rund 50.000 Brasilianer ermordet, also im Schnitt 130 pro Tag? Das “Land der Zukunft”, von dem der Wiener Schriftsteller Stefan Zweig 1941 schwärmte, weil er hier ein riesiges Potential erkannte, wartet auch 200 Jahre nach seiner Unabhängigkeit immer noch auf seine Zukunft.

Gegründet als Monarchie, nicht als Republik

Die Geburt der brasilianischen Nation im Jahr 1822 begann bereits mit einem Makel. Im Gegensatz zu den spanischsprachigen Kolonien Lateinamerikas entstand in Brasilien keine neue Republik, sondern eine Monarchie. Das erste Staatsoberhaupt war Kaiser Dom Pedro I., vormaliger Kronprinz Portugals. Wirtschaftlich basierte Brasilien schon seit dem 16. Jahrhundert auf der Zuckerproduktion im Nordosten. Der Anbau wurde von wenigen Familien kontrolliert, die die Monarchie stützten und kein Interesse an Veränderungen hatten. Der Goldrausch des 18. Jahrhunderts hatte zwischenzeitlich zum Aufstieg des brasilianischen Südostens und zur Verlegung der kolonialen Hauptstadt von Salvador nach Rio geführt.

Philipp Lichterbeck ist Korrespondent in Rio

Die ersten Jahrzehnte des neuen Staats verliefen weniger chaotisch als in den spanischsprachigen Republiken auf dem Kontinent. Dennoch sank die Popularität Pedros. Zum Unmut der Großgrundbesitzer schloss er Handelsverträge mit England ab, in denen Brasilien sich verpflichtete, die Einfuhr von Sklaven zu beenden. Die Sklavenhändler dachten jedoch gar nicht daran und führten ihre Geschäfte fort. Brasiliens weiße Elite begriff die Ausbeutung und Unterdrückung anderer Menschen als ihr Recht, das sie rassistisch begründete. Diese Mentalität ist ein Merkmal der brasilianischen Elite geblieben, bis heute.

1840 übernahm der nur 15-Jährige Pedro de Alcântara die Regierungsgeschäfte, und es begann eine Ära, die Historiker als eine der fruchtbarsten Brasiliens beschreiben. Pedro II. war ein aufgeklärter Monarch: ernst, bescheiden und intellektuell neugierig. Brasiliens Ökonomie basierte auch unter ihm weiter auf Plantagenwirtschaft und Sklaverei. Man schätzt, dass von den rund zwölf Millionen Sklaven, die ab dem 16. Jahrhundert über den Atlantik gezwungen wurden, rund die Hälfte in Brasilien landete. Die Seewege hierher waren kürzer und die Sklaven daher billig.

Das letzte Land, das die Sklaverei abschaffte

Erst 1888 wurde das Ende der Sklaverei dekretiert, Brasilien war das letzte Land Amerikas, das sie abschaffte. Die Entscheidung war auch Ausdruck einer Machtverschiebung: Die Zuckerindustrie des Nordostens verlor an Einfluss, während das städtische Großbürgertum sowie die Kaffeepflanzer im Südosten mehr Mitsprache verlangten. Man kam zu der Überzeugung, dass eine Republik besser zum aufstrebenden Kapitalismus passe. Neue Wirtschaftszweige entstanden, besonders im Südosten und Süden, die häufig europäische Immigranten beschäftigten. Im 19. und 20. Jahrhundert wanderten Hunderttausende verarmte Portugiesen, Italiener, Spanier und Deutsche ein – die jedoch völlig andere Startbedingungen hatten als die afrikanischen Sklaven.

Letztere wurden freigesetzt – ohne dass sie ein Startkapital, Bildung, Land, Jobs oder auch nur eine Bitte um Entschuldigung erhielten. Damit war das Fundament für ihre weitere Abhängigkeit und Ausbeutung gelegt. Bis heute. Die Sklaverei ist die große Schande Brasiliens. Ihr Fortbestand unter anderen Namen und die Folgen hemmen das Land in gigantischem Ausmaß.

Kaum Veränderungen in der Gesellschaftsordnung

In 200 Jahren hat sich die vertikale Gesellschaftsordnung Brasiliens kaum verändert, auch wenn es immer wieder Modernisierungsschübe gab. In den 1950er-Jahren richtete Brasilien die Fußball-WM aus, es wurde die staatliche Ölgesellschaft Petrobras gegründet und eine neue Hauptstadt entstand. Brasília, 1960 eingeweiht, wurde zum Symbol für die erträumte Größe der Nation.

Nur vier Jahre später beendete das Militär die Demokratie. Am 1. April 1964 putschten die Generäle unterstützt von den USA. Sie rechtfertigten den Putsch mit kommunistischen Umtrieben. In den 21 Jahren ihrer Herrschaft wurden laut Nationaler Wahrheitskommission 434 politische Gefangene ermordet und fast 8500 Ureinwohner umgebracht. Zehntausende wurden inhaftiert und gefoltert. Juristisch aufgearbeitet wurden die Verbrechen nie. Das ist ein Grund, warum Brasiliens Politik bis heute unter dem negativen Einfluss der Militärs steht.

In den ersten Jahren nach der Re-Demokratisierung wurde ein uraltes Problem Brasiliens erneut deutlich, das während der Militärdiktatur unter den Teppich gekehrt wurde: die Korruption. Auch sie ist vorrangig ein Problem der höheren Klassen, die es für normal zu halten scheinen, öffentliche Gelder abzuzweigen.

Ein Land am Scheideweg

Das Gefühl, Brasilien müsse endlich gerechter werden, brachte Anfang des 21. Jahrhunderts Lula da Silva von der linken Arbeiterpartei (PT) an die Macht. Der Ex-Gewerkschafter startete Programme zur Bekämpfung der Armut. Es waren Jahre des ökonomischen Wachstums, und als Lula 2011 aus dem Amt schied, war Brasilien die sechstgrößte Volkswirtschaft der Welt.

Doch dann kam der Absturz. Das Land rutschte in eine Wirtschaftskrise, die begleitet wurde vom gigantischen Korruptionsskandal rund um die Ölgesellschaft Petrobras. Es folgten eine politische, eine soziale und eine moralische Krise, die Brasilien bis heute im Griff hat. Krisen sind immer gute Zeiten für Extremisten: Und so wurde 2018 der ultrarechte politische Außenseiter Jair Bolsonaro zum Präsidenten gewählt. Er steht für ein Zurück. Er hat begonnen, den Staat zu demolieren und Gelder für Bildung, Kultur und vor allem den Umweltschutz massiv gekürzt. Die Zerstörung von einem der größten Schätze Brasiliens, des Amazonaswaldes, hat sich unter ihm noch einmal beschleunigt. Bolsonaro hat zudem das Militär in den Staatsapparat geholt und die ultra-konservativen evangelikalen Kirchen aufgewertet, die ihren seit Jahrzehnten andauernden Aufstieg ungebremst fortsetzen.

200 Jahre nach seiner Unabhängigkeit steht Brasilien nun erneut an einem Scheideweg: Wird es moderner, gerechter und kann es endlich sein Potential zum Wohle aller abrufen – oder schreitet es weiter zurück in die Vergangenheit?

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