Hitzewelle bringt Frankreichs Atomkraftwerke ins Schwitzen | DW

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Seit Wochen brütet Frankreich – wie andere europäische Staaten – immer wieder bei Temperaturen von um die 40 Grad. Vielerorts wird das Trinkwasser knapp, die Böden trocknen aus, Waldbrände wüten. Auch die Atomkraftwerke (AKW) des Landes kommen durch die Hitze ins Schwitzen.

Etwa ein Fünftel der 56 Reaktoren müssten eigentlich den Betrieb einstellen oder zumindest auf eine Minimalkapazität begrenzt werden, weil die Flüsse, in die sie das erhitzte Kühlwasser ableiten, mittlerweile zu warm sind und eine festgelegte Temperaturgrenze überschreiten. Doch diese Regel hat die französische Regierung mindestens bis zum 11. September ausgesetzt. Dazu sieht sie sich wohl gezwungen – auch, weil seit Monaten über die Hälfte der Meiler wegen planmäßiger oder unplanmäßiger Wartungsarbeiten stillstehen. Atomenergie stellt in Frankreich in Normalzeiten um die 70 Prozent der Energieproduktion – so viel wie in keinem anderen Land. Diese Energiestrategie sollten auch die aktuellen Schwierigkeiten nicht in Frage stellen. Obwohl das bei manchem für Unmut sorgt.

Der Umweltschützer Jean-Pierre Delfau vor dem AKW Golfech in Südfrankreich

Golfech im Südwesten Frankreichs ist eines der Atomkraftwerke mit einer Ausnahmegenehmigung. Einer seiner zwei Reaktoren steht im Moment außerplanmäßig still. Wie an elf anderen Reaktoren hat man dort vor einigen Monaten Korrosion und kleine Risse in sicherheitsrelevanten Rohren gefunden. Der andere jedoch funktioniert trotz Hitzewelle weiter. “Ich verstehe einfach nicht, wie man den Betrieb aufrecht erhalten kann, obwohl das verheerende Auswirkungen auf das Ökosystem hat”, sagt Jean-Pierre Delfau, Mitglied des Umweltvereins FNE86, zu DW, während er und zwei weitere Umweltschützer bei 42 Grad Hitze an einem Donnerstagnachmittag durch hohes Gras am Ufer des Flusses Garonne stapfen, um eine Wasserprobe zu entnehmen. Im Hintergrund steigt weißer Wasserdampf aus einem der zwei riesigen Kühltürme von Golfech.

“Ganze Nahrungskette aus dem Gleichgewicht”

“Im Moment fließt durch die Hitze sowieso schon viel weniger Wasser durch die Garonne als in normalen Zeiten. Golfech benutzt das Wasser zur Kühlung, ein Teil davon verdampft, so dass also weniger zurück im Fluss landet. Und dieses Wasser ist sechs Grad wärmer als vorher. Das heizt den Fluss weiter auf, was unter anderem Mikroalgen zerstört. Die sind Futter für bestimmte kleine Fische, welche wiederum Nahrung für größere Fische sind. Die ganze Nahrungskette gerät aus dem Gleichgewicht!”, stößt Delfau wütend hervor. Der 79-Jährige ist seit rund 50 Jahren Atomkraftgegner, nahm schon vor dem Bau von Golfech an Demonstrationen gegen das Projekt teil. “Und in dem warmen Wasser gedeihen mehr Bakterien – man muss es also mit vielen Chemikalien versetzen, bevor man es wieder als Leitungswasser benutzen kann. Diese Chemikalien trinken wir dann”, fügt er hinzu.

Das zu warme Wasser ist schlecht für das ökologische Gleichgewicht

Der Stromkonzern EDF, der in Frankreich alle Atomreaktoren betreibt, lehnte eine Interviewanfrage der DW ab. In einer E-Mail schrieb eine Sprecherin, dass es sich um eine “außergewöhnliche Situation” handele und bisherige Umweltproben des Unternehmens keine negativen Auswirkungen auf die Flora und Fauna um die betroffenen Meiler herum aufgezeigt hätten. Die aktuellen Komplikationen scheinen Frankreichs Nuklearsektor dabei nicht in eine existenzielle Krise zu stürzen. Die Regierung will EDF bald komplett verstaatlichen und plant, zusätzliche Atomreaktoren zu bauen.

Bau von neuen AKWs wirft technische Fragen auf

Das wirft Fragen für Anna Creti auf, die Direktorin des Lehrstuhls für Klimaökonomie an der Pariser Universität Dauphine ist. “Man versteht nicht ganz, wie das technologisch funktionieren soll, vor allem kurzfristig”, sagt sie im DW-Interview. “Die Regierung will auf sogenannte kleine modulare Reaktoren setzen, für die es bis jetzt etwa 40 Technologien gibt, die alle noch in der Pilotphase sind. Es kann noch fünf oder zehn Jahre dauern, bis wir ein marktreifes Modell haben.” Andererseits plane Frankreich zusätzliche Druckwasserreaktoren nach dem sogenannten EPR-Modell, bei dessen Bau es zahlreiche Probleme gäbe. Der einzige bisherige EPR in Frankreich im nördlichen Flamanville kostet laut EDF bereits etwa 13 Milliarden Euro, rund viermal so viel wie zunächst veranschlagt. Laut Frankreichs Rechnungshof liegt die Rechnung schon bei mehr als 19 Milliarden Euro. Die Inbetriebnahme ist momentan für nächstes Jahr vorgesehen, zehn Jahre später als geplant. Bei EPRs in Großbritannien, China und Finnland gibt es laut Berichten ebenfalls Bauverzögerungen, Konzeptions- und Produktionsprobleme.

Das Atomkraftwerk in Flamanville am Ärmelkanal. Dessen dritter Reaktorblock wird ein Druckwasser-Reaktor (EPR).

Dennoch habe die Regierung 150 Milliarden Euro für den Nuklearsektor vorgesehen – für die Wartung der bereits existierenden AKW und den Bau von neuen. “Im Bereich der Erneuerbaren Energien gibt es keinen vergleichbaren Investitions-Schub. Auch wenn die Regierung an einem Gesetz arbeitet, welches die Entwicklung von Projekten im Bereich Erneuerbare Energien beschleunigen soll. Dabei ist deren Technologie marktreif und die Kosten dafür sind über die vergangenen Jahre stark gesunken”, fügt Creti hinzu. Frankreich ist das einzige europäische Land, das seine EU-Ziele für 2020 in Sachen Erneuerbare nicht erreicht hat: Sie stellten nur rund 19 Prozent von Frankreichs Elektrizitätsproduktion und nicht 23 wie angestrebt.

Frankreich hat seine Gründe

Doch diese Strategie habe ihre Gründe, meint Christian Egenhofer, leitender Forschungsmitarbeiter der Brüsseler Denkfabrik Zentrum für Europäische Politik CEPS. “Frankreich investiert auch im Rahmen der sogenannten Strategischen Autonomie in Atomenergie. Wir brauchen Nuklearwissenschaftler und -ingenieure, um die rund 100 AKW Europas zu warten – sonst müssen wir diese Aufträge an US-amerikanische, chinesische oder koreanische Spezialisten vergeben, was ein Sicherheitsproblem wäre”, erklärt der Experte gegenüber DW. Europa strebt eine strategische Autonomie in Verteidigungs-, aber auch Energiefragen an, das heißt, der Kontinent will in diesen Bereichen auf eigenen Beinen stehen.

Blick ins Innere: Baustelle des EPR-Reaktors im AKW Flamanville.

“Außerdem hat Frankreich ein Stromnetz-Problem: Das ist um Paris herum zentralisiert, wo auch der meiste Strom verbraucht wird. Man transportiert die Elektrizität in die Hauptstadt, von wo aus sie in andere Teile des Landes zurückgeschickt wird”, sagt Egenhofer. “Für Erneuerbare Energien bräuchte man ein dezentrales Stromnetz, und es wird Jahre dauern, das aufzubauen.” Doch auch Egenhofer bezweifelt, dass Frankreich es schaffen wird, neue Atommeiler fertigzustellen – er denkt, das Land werde langfristig auf Erneuerbare umstellen.

Stromausfälle im Winter?

Das hofft auch Philippe Mante, Klimabeauftragter bei Frankreichs grüner Partei EELV, die zwar gegen den Bau neuer AKW ist, aber die alten, im Namen der Energiesicherheit, nicht gleich abschalten will. “Selbst für Unterstützer von Atomenergie muss doch angesichts der aktuellen Notlage klar sein, dass wir sofort massiv in Erneuerbare investieren müssen”, fordert er im Interview mit DW. “In jedem Fall aber müssen wir diesen Winter mit Stromausfällen rechnen – wir sollten uns alle schnell dicke Pullis kaufen”, sagt er resigniert. Auch Nachbarländer werden Frankreichs Situation wohl im Auge behalten. Das Land war bisher Europas größter Elektrizitätsexporteur, vor allem im Sommer. Dieses Jahr jedoch wird Frankreich mehr Energie importieren als es exportiert. Das dürfte den Druck auf die Energiepreise, die auch wegen des Ukrainekrieges und dadurch geringerer Gaslieferungen aus Russland sowieso schon nach oben schnellen, weiter erhöhen.

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