Abschied von “Gorbi”: Über die Toten spricht man nicht schlecht | DW

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Schon früh am Samstagmorgen hat sich in den Gassen der Moskauer Innenstadt eine Menschenschlange gebildet. Sie windet sich um das Bolschoi-Theater, am Haus der Gewerkschaften entlang bis in dessen monumentale Säulenhalle, in der Soldaten der Ehrenwache den aufgebahrten Sarg mit Michail Gorbatschow darin bewachen.

Die Schlange der Kondolierenden zog sich kilometerlang durch die Moskauer Innenstadt

Ein Staatsbegräbnis ist es zwar offiziell nicht, doch zumindest hier sieht es für einen Moment danach aus. Die Bilder ähneln stark den feierlichen Begräbnissen von Gorbatschows Vorgängern. Stets wurden die höchsten russischen Politiker nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion in exakt dieser Halle nahe dem Kreml verabschiedet.

Ähnliche Bilder – andere Gefühle

Viele der Menschen, die hergekommen sind, haben eine hohe Meinung vom letzten Staatschef der Sowjetunion. Die 49-jährige Moskauerin Viktoria lobt die sechs Jahre unter seiner Führung als die besten Jahre sechs Jahre ihres Lebens: “Man erwartete die Freiheit und das Beste, was passieren konnte. Leider konnten wir das alles nicht mehr nutzen, man hat uns alles weggenommen.” Ein älterer Mann stimmt ihr zu: “Leider haben wir sein Vermächtnis nicht erhalten können. Alles ging schief. Das ist ein großer Schmerz für alle, die Michail Gorbatschow schätzen.”

In Deutschland gilt Michail Gorbatschow als einer der “Väter der Einheit”, weil er die Wiedervereinigung beider deutscher Staaten ermöglichte

Doch mitnichten alle in Russland schätzen ihn, denn unter Gorbatschow fiel die Sowjetunion auseinander. Immer wieder hört man von den Trauernden Sätze wie “Über die Toten spricht man nicht schlecht” und “Nicht alles war schlecht unter ihm”. Und genau diese Sätze drücken etwas aus, das viele von Kaliningrad bis Wladiwostok empfinden, wenn sie an Michail Gorbatschow denken. Zwar habe er den Russen Freiheiten ermöglich, von denen sie zuvor nur träumen konnten, auch habe er ihr Land geöffnet und das Leben vieler zum Guten geändert. Doch der Preis dafür sei zu hoch gewesen, heißt es. Neun von zehn befragten Moskauern betonen, dass es Gorbatschow war, der ihr “schönes Land” zerfallen ließ, die “gute alte” Sowjetunion.

Im Baltikum verhasst

Während viele Russen der untergegangenen UdSSR nachtrauern und deswegen auf Gorbatschow schimpfen, machen die Menschen in den ehemaligen Sowjetrepubliken ihn genau für das Gegenteil verantwortlich: dafür, dass Gorbatschow – zumindest anfangs – an der alten Sowjetunion festhielt und sie nicht in ihre Unabhängigkeit entlassen wollte.

Erinnerungen an blutige Proteste in den frühen 1990er Jahren in Georgien, Lettland und vor allem in Litauen, wo es am sogenannten “Blutsonntag von Vilnius” vor 30 Jahren 14 Tote und Hunderte Verletzte gab. Damals, am 13. Januar 1991, ließ der sowjetische Staatschef Sondereinheiten der Polizei auf Demonstranten los. Bis vor kurzem war deswegen in Litauen sogar ein Verfahren gegen Gorbatschow anhängig, das erst jetzt, nach seinem Tod, eingestellt wurde.

Unabhängig – gegen Gorbatschows Willen 

An die Ereignisse von damals erinnert der heutige Außenminister Litauens, Gabrielius Landsbergis, in einem Tweet: Die Litauer würden nicht vergessen, wie Gorbatschows Armee “Zivilisten ermordete”, um “die Besatzung” Litauens zu verlängern: “Seine Soldaten schossen auf unsere unbewaffneten Demonstranten und zermalmten sie unter seinen Panzern. So werden wir ihn in Erinnerung behalten.”

Der litauische Präsident Gitanas Nausėda verglich Gorbatschow mit einem Gefängnisdirektor, der seinem Gefängnis eine kleine Reform verpassen wollte: “Die Fassade neu streichen, den Gefangenen erlauben, Zeitungen zu lesen, das Licht länger brennen lassen.” Dabei hätten die Gefangenen einfach nur rausgewollt – “gegen den Willen von Gorbatschow”.

Auch im benachbarten Lettland löste Gorbatschows Tod kritische Reaktionen aus. Mehrere Menschen kamen im Januar 1991 in Riga um, als die Sowjetpolizei Protestierende daran hinderte, ein Regierungsgebäude zu stürmen. “Gegen seinen Willen erlangte Lettland die Unabhängigkeit”, schrieb deswegen jetzt auf Twitter der lettische Präsident Egils Levits; und sein Außenminister Edgars Rinkēvičs postete: “Der Zusammenbruch der UdSSR war der beste Moment des 20. Jahrhunderts. Das Ende des Kalten Krieges war großartig, aber das Töten von Menschen in Tiflis, Vilnius und Riga ist auch Teil seines Vermächtnisses.”

Ob Hoffnungsträger, Staatszerstörer oder nur ein tragischer Held: Die Hoffnung stirbt zuletzt, sagt man – auch in Russland. In der Schlange vor der Säulenhalle war zu hören: Mit Michail Gorbatschow haben die Russen jemanden zu Grabe getragen, der einst große Hoffnungen auf bessere Zeiten verkörperte.

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